Interview mit Ansgar Drücker

Aktuelle News zum Thema Kinder- und Jugendreisen auf: www.JugendreiseNews.de

Kalender

nächste Veranstaltungen

Der ehem. stellvertretende Vorsitzende des BundesForum Kinder- und Jugendreisen e.V. im Gespräch.

Interview mit Ansgar Drücker

BDKJ-Journal: Vor über 10 Jahren haben sich die gemeinnützigen Träger im Bundesforum Kinder- und Jugendreisen zusammengeschlossen. Welche Gründe gab es für diesen Schritt und wer gehört dazu?

Drücker: Das BundesForum entstand als Dachverband zur Bearbeitung gemeinsamer Anliegen im Arbeitsbereich Kinder- und Jugendreisen. Ein Anlass zur Gründung war der Wunsch nach einer neuen Austauschplattform nach dem Konkurs des Studienkreis für Tourismus e.V., indem es zuvor eine Arbeitsgruppe Jugend gegeben hatte. Wichtige gemeinsame Ziele waren von Anfang an die Zusammenarbeit in der Qualitätsentwicklung des Kinder- und Jugendreisens sowie die Beobachtung europäischer Prozesse. Schließlich versteht sich das BundesForum als Lobbyorganisation ? im positiven Sinne ? und möchte die vielen positiven Wirkungen von Kinder- und Jugendreisen allen jungen Menschen zugänglich machen. Das BundesForum Kinder- und Jugendreisen hat derzeit 22 Mitglieder von der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendferienwerke über das Deutsche Jugendherbergswerk und die Naturfreundejugend Deutschlands bis zum Servicebüro transfer e.V. Eine Mitgliederliste und weitere Infos finden sich im Internet unter www.bundesforum.de

 

Der Kinder- und Jugendreisesektor hat sich in den letzten Jahren verändert, neben den gemeinnützigen Anbietern drängt immer mehr private Konkurrenz auf den Markt. Welche Auswirkungen hat das und wie reagieren die gemeinnützigen Träger darauf?

Drücker: Kinder- und Jugendreisen ? oder etwas weiter gefasst: Kinder- und Jugendmobilität ? sind ein ökonomisch relevanter Sektor, der in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen ist und sich zunehmend kommerzialisiert hat. Die gemeinnützigen Anbieter von Kinder- und Jugendreisen stehen zunehmend vor der Herausforderung ihre Andersartigkeit und Unvergleichbarkeit herauszuarbeiten und zu betonen. Oft erscheint es dagegen so, als versuchten sie von gewerblichen Anbietern zu lernen. Die öffentliche Förderung für den Bereich Kinder- und Jugendreisen ist in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Sowohl Förderer als auch Anbieter haben ihre Schwerpunkte in andere Bereich verlagert. Dennoch ist die Zahl der gemeinnützig verantworteten Reiseangebote nicht beträchtlich gesunken. Dies verdeutlicht, dass viele Träger auch ohne oder mit weniger Zuschüssen an ihren Angeboten festhalten. Reiseziele und Angebotsformen orientieren sich im gemeinnützigen Bereich nicht immer an der Marktgängigkeit der Angebote. Dies kann zum Problem werden, eröffnet aber auch die Möglichkeit Nischen zu besetzen, weniger konsumorientierte Reiseangebote erfolgreich zu platzieren und wertorientierte Angebote durchzusetzen. Aber rechnen müssen sich gemeinnützige Kinder- und Jugendreisen auch, wenn der Träger ein dauerhaft attraktives Angebote vorhalten will. Nach meinem Eindruck greifen auch Kirchengemeinden und andere Veranstalter vor Ort zunehmend auf externe Dienstleister zurück. Dies kann die Angebote professionalisieren, birgt aber auch die Gefahr in sich, dass das besondere z.B. einer kirchlichen Freizeit verloren geht. 

 

Der Deutsche Bundestag hat im Jahr 2002 einen Aktionsplan zum Kinder- und Jugendtourismus in Deutschland beschlossen. Was will der Bundestag mit diesem Aktionsplan erreichen?

Drücker: Die Tourismuspolitik ist auf Bundesebene beim Wirtschaftsminister angesiedelt. Insofern war ein Anliegen, die ökonomische Relevanz des Kinder- und Jugendreisens für den Tourismus in Deutschland zu betonen und den Blick nicht auf die Generation ?55 plus? zu verengen. Auch das BundesForum hat sich damals für einen solchen Aktionsplan stark gemacht und dazu beigetragen, dass ein interfraktioneller Antrag und ein einstimmiger Beschluss zustande kamen. Unser Hauptanliegen war die politische Relevanz und die Förderwürdigkeit des Arbeitsbereiches hervorzuheben. Das ist zwar im Aktionsplan eher mit Worten als mit Taten geschehen. Dennoch hat er die eine oder andere Tür für politische Zugänge, Projektvorhaben und die Erstellung von Aktionsplänen in einigen Bundesländern geöffnet. Unverändert beklagen wir aber die weitgehende Sprachlosigkeit zwischen den mit dem Kinder- und Jugendreisen befassten Ministerien auf Bundesebene. 

 

Die Bundesregierung hat in der Umsetzung des Aktionsplans Kinder- und Jugendtourismus einen Forscher-Praktiker-Dialog ins Leben gerufen. Welche Ziele verfolgt dieser Dialog und wird mit dem Dialogplan wirklich etwas erreicht?

Drücker: Der Forscher-Praktiker-Dialog (FPD) organisiert und begleitet den interdisziplinären und trägerübergreifenden Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis im Feld der Internationalen Jugendbegegnungen und des Kinder- und Jugendreisens. Ziel ist es, innovative und handlungsweisende Impulse für beide Seiten zu geben, die es ermöglichen, Akteure im Rahmen von Jugendbegegnungsprogrammen (und anderen Kinder- und Jugendreisen) zu qualifizieren und zu beraten. Schon seit 1989 besteht dieser strukturierte Gesprächsfaden zwischen Wissenschaft und Praxis. Das Herzstück der Arbeit sind Fachtagungen, Experten-Hearings und Kooperationsprojekte. Unter www.forscher-praktiker-dialog.de  findet sich eine Übersicht über die in diesem Zusammenhang realisierten bzw. noch laufenden Projekte. 

 

Welche Bedeutung hat der Kinder- und Jugendtourismus für die Jugendhilfe und für die Tourismuswirtschaft?

Drücker: In der Jugendhilfe geht es um (Wieder-)Entdeckung der Potenziale von Kinder- und Jugendreisen. Das intensive Einander-Ausgesetzt-Sein in einer festen Gruppe über mehrere Tage oder Wochen ermöglicht intensive Gruppenprozesse, soziales Lernen und prägende Erlebnisse. Diese für die Persönlichkeitsentwicklung wichtige Lernfeld kann einen Beitrag zur Integration, zur Vermittlung gesellschaftlich notwendiger Veränderungen, zur Einübung von Partizipation und zur gelingenden Übernahme von Verantwortung leisten.

Für die Tourismuswirtschaft geht es darum, Kunden von morgen für das Reisen an sich und für bestimmte Reiseformen und  stile zu gewinnen, da auch das Urlaubsverhalten erlernt und durch Gewohnheiten geprägt wird, die sich schon früh einstellen können. Die Zunahme beispielsweise privater Hostels, gewerblicher Anbieter von Auslandsaufenthalten oder allgemein Kinder- und Jugendreiseveranstalter zeigt, dass in diesem Bereich trotz der sinkenden Zahl junger Menschen erfolgreich Geld verdient werden kann. 

 

Welche Maßnahmen sind für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendreisen zentral?

Drücker: Wer mit der Kirchengemeinde oder der eigenen Jugendgruppe verreist, weiß aufgrund der vor Ort vorhandenen Informationen, was ihn erwartet. Bei fremden Anbietern entsteht zunehmend der Wunsch ? häufig auch der Eltern ? nach einer besser nachweisbaren Qualität von Angeboten und Unterkünften. Mit dem Qualitätsmanagement Kinder- und Jugendreisen hat sich das BundesForum hier auf einen nicht unumstrittenen Weg begeben. Gerade für den Bereich der gemeinnützige Träger sehe ich einen Bedarf an Qualifizierungsangeboten im Schnittfeld von touristisch- betriebswirtschaftlichen und (sozial-)pädagogischen Herausforderungen. Schließlich kann sich kein Träger einer interkulturellen Öffnung seiner Angebote verschließen, will er nicht auf einen wachsenden TeilnehmerInnenkreis verzichten. 

 

Was sind die zentralen Forderungen an die Politik aus heutiger Sicht?

Das BundesForum arbeitet zurzeit an der Verbesserung der Datenlage im Kinder- und Jugendreisen. Dafür wünschen wir uns die Zulassung neuer Auswertungen vorhandener Daten aus der amtlichen Fremdenverkehrsstatistik, um das Volumen des Kinder- und Jugendreisens und den Anteil gewerblicher und gemeinnütziger Anbieter im Sinne einer kontinuierlichen Jugendreiseanalyse einschätzen zu können. Um dem Ziel ?Reisen für Alle!? näher zu kommen, ist eine stärkere individuelle Förderung von benachteiligten jungen Menschen erforderlich. Dies gilt sowohl für junge Menschen mit Behinderungen als auch für Menschen aus sozial schwachen Familien ? schließlich sind die Kosten für Kinder- und Jugendreisen bereits im Regelsatz für Hartz-IV-EmpfängerInnen enthalten. Dies ist für ein einzelnes Kind in den meisten Fällen schon unrealistisch, für Familien mit mehreren Kindern ist es völlig utopisch.

April 2009